18. Juni 2025 / Aus aller Welt

Soziologe: Deutschland weniger polarisiert als viele denken

Gibt es ein typisches Deutschland? Ja, sagt der Soziologe Ansgar Hudde. Und er glaubt auch zu wissen, wo genau dieses «Typisch-Deutschland» liegt.

Der Soziologe Ansgar Hudde stellt in einem neuen Buch die These auf, dass Deutschlands Wahlbezirke gemischter sind als gedacht (Archivbild).
Veröffentlicht am 18. Juni 2025 um 07:07 Uhr von dpa

Deutschland ist nach Erkenntnissen eines Soziologen gesellschaftspolitisch weniger polarisiert als oft angenommen wird. «Die meisten Menschen leben in Wohngebieten, die gut durchmischt sind», sagte der Soziologe Ansgar Hudde der Deutschen Presse-Agentur. «Das heißt, sie kommen im Alltag regelmäßig auch mit Menschen mit einer anderen politischen Einstellung in Kontakt.»

Seit diesem Mittwoch gibt es dazu sein Buch «Wo wir wie wählen - Politische Muster in Deutschlands Nachbarschaften». Der Wissenschaftler von der Universität Köln hat dafür die Ergebnisse der Bundestagswahl von 2021 auf der Ebene von Stimmbezirken ausgewertet. «Ich habe inzwischen aber auch alles auf der Grundlage der Bundestagswahl vom Februar nachgerechnet, und das Grundmuster bleibt.» 

AfD trifft Linke

Hudde identifiziert vier Wahlmuster. Das erste nennt er «Typisch-Deutschland», weil es am nächsten an dem Gesamtergebnis der Bundestagswahl dran ist. «In "Typisch-Deutschland" wählen die Leute so, wie der Bundestag aussieht.» Dieses Muster finde sich häufiger in West- als in Ostdeutschland und in erster Linie in Mittel- und Kleinstädten, in denen der größte Teil der deutschen Bevölkerung lebe - ungefähr zwei Drittel aller Wählerinnen und Wähler.

Das zweitgrößte Wahlmuster bezeichnet Hudde als «AfD trifft Linke». «Das finden wir vor allem in Ostdeutschland, abgesehen von den Zentren der Groß- und Uni-Städte. Wir finden es aber auch in einigen Gebieten im Westen, die größte Häufung ist im Ruhrgebiet.» 

Das dritte Muster wird von ihm als «konservativ» bezeichnet. Dort sei die Union stark, aber auch die Freien Wähler - etwa im ländlichen Bayern. «Als Letztes haben wir das Grün-Links-Wahlmuster, was wir in den Metropolen und Universitätsstädten finden. Alles rechts der Mitte ist dort schwach.» Typische Beispiele seien die Zentren der Unistädte wie Tübingen und Jena oder der Millionenstädte Berlin, Hamburg, München und Köln.

Die «typischen Deutschen» leben nicht in Metropolen

Die meisten Menschen seien aber eben nicht in Metropolen zu Hause und das bewahre sie davor, in einer Blase der Gleichgesinnten zu leben. «In einer Stadt wie Köln kann sich auch eine kleine Gruppe separieren», erläuterte Hudde. «Es gibt dort zum Beispiel den Stadtteil Hahnwald, der nur aus Villen besteht. Reiche Menschen, die unter sich bleiben wollen, können das also tun.»

In Kleinstädten funktioniere das dagegen nicht. «Ich war zum Beispiel in Herford, da stehen in einer Straße relativ viele schicke Häuser aus den 1920er oder 1930er Jahren, das wären woanders Millionenobjekte, aber dann läuft man 200, 300 Meter weiter und steht vor Sozialwohnungen. Und das bedeutet eben, dass die Kinder aus den Villen und den Sozialwohnungen vermutlich dieselbe Schule besuchen.»


Bildnachweis: © Hauke-Christian Dittrich/dpa
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