9. März 2025 / Aus aller Welt

Nonna Anna macht Caffè - auch mit 100 noch

Italiens älteste Barista steht immer noch Tag für Tag an der Maschine. Aber anderswo fehlt der Nachwuchs - und auch für Anna Possis Betrieb am Lago Maggiore stehen die Chancen nicht gut.

Italiens älteste Barista Anna Possi verkauft auch mit 100 noch Kaffee.
Veröffentlicht am 9. März 2025 um 07:00 Uhr von Christoph Sator, dpa

Die Oma ist auch schon wieder auf den Beinen. Wie jeden Morgen, Tag für Tag, die ganze Woche durch, und das seit mehr als 65 Jahren schon. Seit 1958 macht Anna Possi im italienischen Dörfchen Nebbiuno, malerisch gelegen oberhalb des Lago Maggiore, immer um sieben Uhr in der Früh ihre «Bar Centrale» auf. Schluss ist im Winter abends um sieben, im Sommer erst um neun. 365 Tage im Jahr.

Im November ist die Nonna Anna, die Oma Anna, wie sie hier jeder nennt, 100 geworden - die älteste Cafébar-Besitzerin in ganz Italien. So steht es auch draußen auf dem Schild rechts vom Eingang: «La barista più longeva d'Italia». Allerdings ist das, bei allem Stolz, inzwischen auch Teil des Problems: Italiens Cafébars, von denen viele in Familienbesitz sind, geht der Nachwuchs aus.

20.000 Betriebe weniger als vor zehn Jahren

Zwischen Südtirol und Sizilien gibt es nach den jüngsten Zahlen des nationalen Hotel- und Gaststättenverbands Fipe noch 132.000. Vor zehn Jahren waren es 20.000 mehr. Die Gründe für den Schwund sind fast überall dieselben: Arbeitstage von zwölf bis vierzehn Stunden, niedrige Löhne, hohe Mieten und jetzt auch noch gestiegene Rohstoffpreise für Kaffee. Für junge Leute, so der Verband, sei der Job als Barista wenig attraktiv.

Dabei sind die Cafébars aus dem italienischen Alltag eigentlich nicht wegzudenken: morgens einen Caffè (was man in Deutschland Espresso nennt) oder einen Cappuccino, gern auch mit Cornetto, mittags noch mal ein oder zwei kleine Tassen, abends dann der Aperitivo. Egal ob in der Großstadt oder im kleinen Dorf: Man sieht sich und redet miteinander, über dieses und jenes, über Fußball lieber als über die Politik.

Das ganze Jahr durch geöffnet - auch an Weihnachten

So ist das auch bei Nonna Anna, die in Nebbiuno natürlich eine Institution ist. Offiziell ist sie mit 60 in Rente gegangen: also 1984. «Aber warum sollte ich aufhören? Meine Bar ist für mich so viel mehr als Arbeit. Das ist mein Leben.» Selbst an Sonn- und Feiertagen steht sie an der Maschine. «Die Leute wollen Weihnachten ja auch ihren Kaffee trinken.» Den letzten Urlaub habe sie in den 1950ern gemacht, erzählt sie, acht Tage in Paris.

Geboren wurde Anna Possi ein paar Kilometer weiter, in Vezzo, ebenfalls oberhalb des Sees. Als sie die Schule hinter sich hatte und der Krieg vorbei war, arbeitete sie einige Jahre lang in einem Restaurant am Genfer See. Dort lernte sie ihren Mann René kennen, einen Schweizer. Zusammen kauften sie dann die Bar in der Dorfmitte von Nebbiuno. Aber jetzt ist René schon seit einem halben Jahrhundert tot: Herzinfarkt.

«Heute gucken alle nur noch ins Handy»

Manchmal hilft jetzt ihre Tochter Cristina, die schräg gegenüber im Rathaus arbeitet. Die 61-Jährige wohnt ebenfalls direkt über der Bar, in der Nebenwohnung. Der Sohn lebt 75 Kilometer weiter in Mailand, die beiden Enkelinnen sind auch schon außer Haus. So macht die alte Dame auch mit 100 Jahren von früh bis spät das meiste allein. Sogar das Holz für den kleinen Ofen hackt sie noch selbst.

Viel Geld verdient Nonna Anna nicht. Der Caffè kostet 1,20 Euro, der Cappuccino 1,50 Euro. Wenn keine Touristen kommen, hat sie an manchen Tagen abends nicht mehr als 40 Euro in der Kasse. An Rente bekommt sie 590 Euro. «Aber ich brauche nicht viel. Wichtig ist, dass ich unter Menschen bin. Dann geht es mir gut.» Wobei: «Früher haben die Leute hier gesessen, geredet und Karten gespielt. Heute gucken sie alle nur noch ins Handy.» Sie selbst holt, wenn nichts zu tun ist, das Strickzeug heraus.

Keine Brille - und eine halbe Tablette pro Tag

Und die Gesundheit? «Der Kopf macht noch mit und die Knochen auch», sagt Nonna Anna. Beim Arzt sei sie zuletzt vor zweieinhalb Jahren gewesen, behauptet sie. Tochter Cristina meint: Es waren eher fünf. Sie braucht keine Brille, ein Hörgerät eigentlich schon - aber das funktioniert angeblich nie. Und, was die Medikamente angeht: eine einzige Tablette pro Tag, gegen Bluthochdruck. «Aber ich nehme immer nur eine halbe. Man muss dem Doktor nicht alles glauben.»

Große Pläne hat Italiens älteste Barista keine mehr. «Früher wollte ich immer noch einmal nach Paris. Aber daraus wird wohl nichts», sagt sie. Und fügt verschmitzt hinzu: «Nicht schlimm: Die Franzosen können ohnehin keinen Kaffee.»

Tochter will nicht übernehmen

Darüber, was mit der «Bar Centrale» geschehen wird, macht sie sich keine Illusionen. «Wenn ich nicht mehr bin, ist auch meine Bar nicht mehr.» Zwischenzeitlich hatte sie die Hoffnung, dass die Tochter übernehmen könnte, aber die hat es sich anders überlegt. «Aber warum soll es mir besser gehen als anderen?» Nonna Anna zuckt mit den Schultern. Dann holt sie das Strickzeug wieder heraus.


Bildnachweis: © Christoph Sator/dpa
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