Wie damals sind die Fotos des kleinen Jonathan, auf denen der Zehnjährige freundlich in die Kamera guckt, wieder in allen französischen Zeitungen zu sehen - sowie Bilder der Fahndungsplakate, mit denen 2004 nach dem Vermissten gesucht wurde. Der Junge wurde damals aus einem Schullandheim in Westfrankreich entführt. Seine Leiche wurde wenige Wochen später unbekleidet in einem Teich rund 30 Kilometer entfernt entdeckt. Qualvolle 22 Jahre später sitzen die Angehörigen von Jonathan, der selbst inzwischen Vater kleiner Kinder hätte sein können, im Landgericht von Nantes dem Mann gegenüber, den die Anklage nach einem Indizienprozess für den Mörder von Jonathan hält. Es handelt sich um den 55-jährigen deutschen Serientäter Martin N., der als sogenannter «Maskenmann» in Norddeutschland rund 20 Jahre lang für Angst und Schrecken sorgte und wegen dreifachen Kindsmordes verurteilt wurde. Am Abend am Ende des letzten Prozesstages fällt dann endlich das Urteil. Das Gericht spricht den Angeklagten schuldig und verurteilt ihn zu lebenslanger Haft, wie die Zeitungen «Le Parisien», «Le Figaro» und weitere französische Medien aus dem Gerichtssaal berichten. Dort fallen sich die Angehörigen in die Arme, Tränen fließen. Mit seinem Urteil entspricht das Gericht der Forderung der Generalstaatsanwältin, die mittags betont hatte: «Ich habe keinerlei Zweifel daran, dass er schuldig ist.» Am Vortag war die Nebenklage, die die Familie vertritt, zu demselben Schluss gekommen. Im Prozess hatte der aus Bremen stammende Angeklagte eine Beteiligung am Tod des französischen Jungen mehrfach klar von sich gewiesen. «Ich habe das nicht getan», betonte er auch in seinem letzten Wort. Mangels konkreter Beweise plädierte die Verteidigung auf Freispruch. In Deutschland hatte der «Maskenmann» während fast 20 Jahren kleine Jungen missbraucht und drei von ihnen im Alter von 8, 9 und 13 Jahren ermordet. Zwischen 1992 und 2001 schlich der Pädagoge sich in Norddeutschland nachts maskiert an die Betten Dutzender Opfer. Nach langer kriminalistischer Puzzlearbeit führte ein ehemaliges Opfer die Polizei schließlich auf die Spur des Mannes, der 2011 in Hamburg-Wilstorf festgenommen wurde. 2012 wurde er vom Landgericht Stade zu lebenslanger Haft verurteilt. Die meisten seiner Taten hatte er in seinem Prozess gestanden. Für den neuen Prozess in Frankreich war er aus deutscher Haft überstellt worden. Lange führte der Mann ein Doppelleben, ohne dass jemand Verdacht schöpfte. Tagsüber kümmerte er sich als Betreuer auf Ferienfreizeiten und in Heimen um seine Schützlinge. Nachts verwandelte er sich in den «Maskenmann» - so wurde er bekannt, weil er sein Gesicht bei den Verbrechen hinter einer dunklen Sturmhaube verbarg. Den entscheidenden Hinweis gab schließlich eines der Missbrauchsopfer des Täters. Der Zeuge meldete sich nach einem erneuten Fahndungsaufruf 2011 bei der Polizei. Er erinnerte sich daran, dass ihn ein Betreuer bei einer Jugendfreizeit in auffälliger Wiese über seine Wohnsituation ausgefragt hatte - einige Monate später war er 1995 von einem maskierten Mann missbraucht worden. Da der Fall des kleinen Jonathan Parallelen zur Tatserie in Norddeutschland aufwies, untersuchten die französischen Fahnder bereits seit 2008 auch, ob der Serientäter auch für die Tat in der Bretagne infrage kommen könnte. Konkrete Beweise wie DNA-Spuren etwa wurden aber bis heute nicht gefunden. Ein französischer Landwirt aber beobachtete zwischen dem Zeitpunkt des Verschwindens von Jonathan und dem Auffinden seiner Leiche abends einen Wagen mit deutschem Kennzeichen in der Nähe eines Teichs, der dort anscheinend etwas ausladen wollte, dann aber wegfuhr. Der Landwirt war dort mit seinem Schäferhund unterwegs. 2017 dann berichtete ein Mitgefangener, Martin N. habe ihm gestanden, in Frankreich ein Kind getötet zu haben - und auch von einem Zeugen berichtet, der mit einem Schäferhund unterwegs war. Dabei handelte es sich um ein Detail, das nie in der Öffentlichkeit kommuniziert worden war. Während des Prozesses in Nantes waren französische und deutsche Ermittler sowie psychiatrische Sachverständige befragt worden, die den Angeklagten während einer vorübergehenden Verlegung in eine französische Haftanstalt befragt hatten. Außerdem sagten der französische Zeuge und per Videoschalte auch der Mithäftling aus, der ihn belastet hatte. Der «Maskenmann» selbst hatte während des Prozesses an etlichen Tagen umfänglich Antwort auf die Fragen des Gerichts gegeben - und zugleich Einblicke in seine verstörende Welt gegeben. Neben dem Fall Jonathan in Frankreich stand der Angeklagte zwischenzeitlich auch unter Verdacht, für den Tod des elfjährigen niederländischen Jungen Nicky im Grenzgebiet bei Aachen 1998 verantwortlich zu sein. Für die Tat wurde aber schließlich ein Mann verurteilt, der 2018 bei einem großen Gen-Test in der Region ins Visier der Fahnder geriet.Staatsanwältin plädiert auf lebenslange Haft
«Maskenmann» wegen drei Morden in Deutschland verurteilt
Französische Fahnder haben Martin N. seit 2008 im Visier
Mithäftling belastet «Maskenmann»
Bildnachweis: © Loic Venance/AFP/dpa
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Lebenslang für deutschen «Maskenmann» für Mord in Bretagne
Nach 22 Jahren: Tränen im Gerichtssaal, als der «Maskenmann» verurteilt wird. Welche Rolle ein Zeuge mit Schäferhund und ein Mithäftling im Prozess spielten.
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