18. September 2026 / Aus aller Welt

Kinder-Impfquoten sinken in vielen EU-Ländern

Impfungen zählen zu den erfolgreichsten Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit. Doch in der EU zeichnet sich ein gefährlicher Trend ab.

Die Impfquoten bei Kindern sinken in vielen EU-Ländern.
Veröffentlicht am 18. September 2026 um 02:00 Uhr von dpa

Nach jahrzehntelangen Verbesserungen zeigten die Impfquoten bei Kinderimpfungen einer Studie zufolge in vielen EU-Ländern zuletzt überwiegend stagnierende oder rückläufige Trends. Von dieser besorgniserregenden Entwicklung sei auch Deutschland betroffen, berichtet ein Expertenteam im Fachjournal «The Lancet Regional Health - Europe». 

Die Studie war allerdings nicht darauf ausgelegt, die Ursachen zu klären. Vielfach begann der Rückgang zwischen 2019 und 2022, also während der Corona-Pandemie und in der Zeit danach. Als mögliche Faktoren werden unter anderem Fehlinformationen und Veränderungen im Vertrauen in Impfstoffe genannt.

Impfungen zählten zu den wirksamsten Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit, heißt es in der Studie. Rückläufige Impfraten stellten eine ernsthafte Bedrohung für die öffentliche Gesundheit dar. Zunehmende Impfskepsis habe in der EU bereits zum Wiederauftreten vermeidbarer Krankheiten geführt.

Das Team um Luigi Russo von der Università Cattolica del Sacro Cuore in Rom analysierte WHO- und Unicef-Daten aus den Jahren 1980 bis 2024. Berücksichtigt wurden die Durchimpfungsraten für sieben routinemäßige Impfungen beziehungsweise Impfserien europäischer Kinderimpfprogramme: die dritte Dosis gegen Diphtherie, Tetanus und Pertussis (DTP-3), Hepatitis B (HEPB-3), Haemophilus influenzae Typ b (HIB-3), Pneumokokken (PCV-3) und Polio (POL-3) sowie die erste Dosis gegen Masern (MCV-1) und Röteln (RCV-1).

Rückläufige Trends in sehr vielen EU-Ländern

Demnach zeigten die meisten EU-Länder über die vier Jahrzehnte zwar deutliche langfristige Verbesserungen, in jüngster Zeit aber eine überwiegend ungünstige Entwicklung. 16 der 27 EU-Länder wiesen zuletzt bei mindestens vier der sieben untersuchten Impfindikatoren rückläufige Trends auf, berichtet das Team.

In Deutschland waren - wie auch in Spanien - die Raten von fünf der sieben Impfungen betroffen. Nur noch bei Hepatitis B und der ersten Dosis eines Masern-Impfstoffs waren noch leicht steigende Trends zu verzeichnen. Damit gehört die Bundesrepublik zu den stärker betroffenen EU-Staaten, wenn auch nicht zur Gruppe mit den ausgeprägtesten Rückgängen.

Fünf Länder mit sechs von Rückgängen betroffenen Impfungen wurden erfasst: Kroatien, Tschechien, Estland, Litauen und die Slowakei. In sechs Ländern - Bulgarien, Zypern, Irland, Niederlande, Rumänien und Schweden - waren sogar alle sieben einbezogenen Impfungen betroffen. Zu den Ländern mit überwiegend positiven Trends in jüngerer Zeit zählten Ungarn, Luxemburg, Dänemark und Portugal.

Weniger Impfungen gegen Kinderlähmung

Die jüngsten Entwicklungen unterschieden sich auch je nach Impfstoff. Am weitesten verbreitet waren Rückgänge bei den Hib- und Polio-Impfungen, jeweils 20 EU-Länder verzeichneten hier rückläufige Trends. Hib ist ein Bakterium, das vor allem bei Säuglingen schwere Infektionen wie Hirnhautentzündung oder Kehlkopfentzündung auslösen kann. Polio (Kinderlähmung) ist eine hochansteckende Viruserkrankung, die zu dauerhaften Lähmungen führen kann.

Bei der Hepatitis-B-Impfung war in 18 Ländern ein Rückgang zu beobachten, bei der DTP-3-Impfung gegen Diphtherie, Tetanus und Pertussis (Keuchhusten) in 17 Ländern. Bei der Pneumokokken-Impfung waren es 16, bei der Röteln-Impfung 15 Länder. Die Masern-Impfung wies in jüngster Zeit das relativ ausgewogenste Muster auf: In 14 Ländern war ein Anstieg zu verzeichnen, in 13 Ländern ein Rückgang. Bei der Röteln-Impfung waren 12 Länder im Aufwärtstrend und 15 im Abwärtstrend.

Nur Luxemburg und Portugal erreichen überall den Zielwert

Luxemburg und Portugal waren die einzigen EU-Länder, die bei allen sieben Impfindikatoren eine Durchimpfungsrate von mindestens 95 Prozent erreichten. Belgien, Frankreich und Lettland gelang das bei sechs der sieben Indikatoren. In Deutschland lag die Rate im Jahr 2024 hingegen bei fünf Indikatoren unterhalb dieser Schwelle. Rumänien verzeichnete bei allen sieben Indikatoren einen Wert von unter 80 Prozent. Zu Ungarn war keine Aussage möglich, weil zu zwei Impfungen Daten fehlten.

Vermeidbare Krankheiten können wieder verstärkt auftreten

Der Zielwert von 95 Prozent wird häufig als Maßstab für eine ausreichend hohe Durchimpfungsrate genutzt. Fällt der Prozentsatz darunter, können vermeidbare Krankheiten wieder verstärkt auftreten oder sogar Ausbrüche gerade in Bevölkerungsgruppen und Gemeinden mit Immunitätslücken verursachen. Der genaue Mindestwert und die Auswirkungen einer geringeren Rate variieren dabei je nach Krankheit, Impfplan und epidemiologischem Kontext, wie die Experten anmerken.

Sie weisen zudem darauf hin, dass die Länderdaten im Kontext der Trends im Zeitverlauf interpretiert werden sollten: Ein Land mit scheinbar hohen Durchimpfungsraten könne besorgniserregende Rückgänge aufweisen, ein Land mit sich bessernden Raten weiter unter den für einen Bevölkerungsschutz erforderlichen Werten bleiben.

«Selbst in Ländern mit einer relativ hohen nationalen Durchimpfungsrate kann eine geringere Impfbereitschaft in bestimmten Regionen, Bevölkerungsgruppen oder Gemeinden zu lokalen Immunitätslücken führen und das Risiko von Ausbrüchen erhöhen», warnt das Team. Gefährdet seien vor allem Säuglinge, ältere sowie immungeschwächte Menschen.


Bildnachweis: © Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa
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