8. März 2026 / Aus aller Welt

Invasive große Tiere in Seen: Jede zweite Art macht Probleme

Forscher zählen weltweit 93 große invasive Arten in Süßgewässern. Jede Zweite davon richtet Schäden an – oft mit Folgen für Umwelt und Menschen.

Mittelgroße Nilbarsche aus dem Viktoriasee. (Archivbild)
Veröffentlicht am 8. März 2026 um 05:00 Uhr von dpa

Flusspferde in Kolumbien, Brillenkaimane in China, Nilbarsche im Viktoriasee: Erstmals haben Forscher eine globale Bewertung von invasiven Süßwassertieren mit einem Gewicht ab 30 Kilogramm vorgenommen. Das Team um Fengzhi He von Berliner Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) identifizierte weltweit insgesamt 93 Süßwasser-Megafauna-Arten, die außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets eingeführt wurden. Das ist fast die Hälfte (43 Prozent) aller 216 existierenden Arten.

Solche Einführungen betreffen 142 Länder und Regionen auf allen Kontinenten außer der Antarktis, wie das Team im Fachjournal «One Earth» berichtet. Die höchste Anzahl an eingeführten Süßwasser-Megafauna-Arten haben die USA mit 52 Spezies, gefolgt von China (28), Kanada (23), Russland (19) und Belgien (18). Knapp dahinter kommt Deutschland mit 17 solcher invasiven Arten.

Beispiel: Nilbarsche im Viktoriasee 

Im Gegensatz zu kleineren Tieren, die oft unbemerkt in neue Gewässer eingeschleppt werden, etwa weil sie an Schiffsrümpfen haften oder von Vögeln transportiert werden, werden große Arten bewusst in fremde Gebiet gebracht - oft wegen vermuteter wirtschaftlicher Vorteile. Der Studie zufolge haben von jenen 59 gebietsfremden großen Süßwassertieren, für die ein Nutzen dokumentiert ist, jedoch 26 auch negative Auswirkungen - also fast die Hälfte. Dies betreffe insbesondere große Fischarten wie Karpfen, Lachsartige und Welse. 

Ein Beispiel: In den 1960er Jahren wurden Nilbarsche (Lates niloticus) bewusst im Viktoriasee angesiedelt, um die dortige Fischerei zu unterstützen. Stattdessen schrumpften mit der Ausbreitung der gefräßigen Räuber, die bis zu 200 Kilogramm auf die Waage bringen, die Bestände einheimischer Fische. Viele Fischer verloren ihre Lebensgrundlage, und in den umliegenden Gemeinden stieg den Forschern zufolge die chronische Unterernährung bei Kindern und Müttern.

Verletzungen in Deutschland und Frankreich durch Stechrochen 

«Solche schädlichen Auswirkungen eingeführter großer Süßwassertiere – insbesondere auf gefährdete oder marginalisierte lokale Gemeinschaften – sind oft komplex und erfordern eine langfristige Beobachtung, um ihr Ausmaß zu verstehen», wird Studienleiter He in einer Mitteilung seines Instituts zitiert. «Im Vergleich zu den Vorteilen könnten die negativen Effekte auf die lokale Bevölkerung in vielen Regionen unterschätzt sein.»

Neben einer verminderten Ernährungssicherheit nennt die Studie als mögliche Nachteile auch Risiken durch aggressive oder giftige Arten, Schäden an Eigentum und Infrastruktur sowie Gefahren für die menschliche Gesundheit. Erwähnt wird ein Bericht über Verletzungen in Deutschland und Frankreich durch den aus Südamerika eingeführten giftigen Pfauenaugen-Stechrochen (Potamotrygon motoro), der bei Hobby-Aquaristen beliebt ist.

Sonderfall Flusspferde in Kolumbien

Der aus Süd- und Mittelamerika stammende Brillenkaiman (Caiman crocodilus) wird in den USA als Haustier gehalten, in China dagegen vorwiegend für die Lederproduktion genutzt. Das Team geht davon aus, dass die Einführung von Süßwasser-Megafauna wegen erwarteter wirtschaftlicher Vorteile weiter zunehmen wird und empfiehlt eine verbesserte Überwachung der - positiven wie negativen - Folgen.

Ein Sonderfall sind die vier Flusspferde (Hippopotamus amphibius), die sich der Drogenboss Pablo Escobar 1981 für seinen Privatzoo in die kolumbianische Region Medellín bringen ließ. Nach dem Tod Escobars 1993 verbreiteten sich die eigentlich aus Afrika stammenden Tiere, inzwischen leben am Rio Magdalena etwa 100 Flusspferde: Sie seien zwar eine lokale Touristenattraktion, schreibt das Team - aber auch eine Gefahr für die in der Region lebenden oder arbeitenden Menschen.


Bildnachweis: © picture alliance / dpa
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