11. Juni 2025 / Aus aller Welt

Internationaler Kampf gegen Enkeltrick-Betrüger

Hunderttausende Euro übergeben angsterfüllte Menschen an professionelle Betrügerbanden, die sie mit erfundenen Geschichten unter Druck setzen. Die deutsche Polizei braucht die Hilfe Europas.

Im Kampf gegen sogenannte Schockanrufe organisierter Betrügerbanden vernetzt sich die Polizei internationaler. (Symbolbild)
von Andreas Rabenstein, dpa

Der großangelegte Betrug an alten Menschen mit Schockanrufen und dem sogenannten Enkeltrick weitet sich in Europa aus - und die deutsche Polizei vernetzt sich im Kampf gegen die Täter immer internationaler. Von Mittwoch bis Freitag treffen sich auf Einladung des Berliner Landeskriminalamtes (LKA) Staatsanwälte sowie Kriminalpolizisten aus den 16 Bundesländern, vom Bundeskriminalamt (BKA) und aus Polen, der Slowakei, Tschechien, Österreich, Schweiz, Großbritannien und Serbien. 

Die Konferenz in Teltow (Brandenburg) ist Teil des von der EU geförderten Projekts ISF Lumen (lateinisch: Licht) gegen die grenzüberschreitende organisierte Kriminalität. 

Was ist der sogenannte Enkeltrick oder Schockanruf? 

Bei dieser schon seit vielen Jahren bekannten Betrugsmasche geben sich die Täter am Telefon als Verwandte, Polizisten oder Anwälte aus. Durch falsche Geschichten versuchen sie, ältere Menschen zu Geldzahlungen zu bewegen. Oft erzählen die Täter weinend von Unfällen, in die Verwandten verwickelt seien, und verlangen Zehntausende Euro für Kautionen. Sie geben sich als Polizisten aus, um Geld aus der Wohnung in Sicherheit zu bringen. Chat-Nachrichten werden verschickt, um Kontakt zu Opfern aufzunehmen.

Wie viele Taten gibt es?

Nach der Kriminalitätsstatik des BKA wurden im vergangenen Jahr in Deutschland 6.656 derartige Fälle gemeldet. Davon seien 1.527 aufgeklärt worden. Fast 1.100 Verdächtige ermittelte die Polizei. Dazu kamen 3.904 Fälle von falschen Polizisten und knapp 1.600 Fälle weiterer falscher Amtsträger. Die Schadenssumme liegt im mehrstelligen Millionenbereich. Experten gehen zudem von einer Dunkelziffer aus, weil manche Opfer nicht zur Polizei gehen. 

Wer sind die Opfer?

Die Täter nehmen meist ältere Menschen ins Visier. Anhand von früher beliebten Vornamen suchen sie Telefonnummern aus Telefonbüchern heraus. Die Opfer verlieren oft sehr viel Geld, das mühsam gespart wurde. Dazu kommen seelische Schäden und Schamgefühle, weil sie auf solche Betrüger hereingefallen sind. 

Tragische Beispiele von betrogenen alten Menschen gibt es viele. Im Februar teilte die Polizei in Potsdam mit, ein Betrüger habe eine Seniorin um Geld und Wertgegenstände im Wert von 220.000 Euro gebracht. Die Täter gaukelten der Frau am Telefon vor, ihr Sohn habe einen tödlichen Unfall verursacht und benötige eine Kaution. In Halle (Saale) erbeuteten Kriminelle 230.000 Euro von einem 88-Jährigen. In Bayern verhinderte eine Bankangestellte, dass eine Kundin eine fünfstellige Summe abhob und an Telefon-Betrüger übergab. 

Wer sind die Täter? 

Bei den Tätern handelt es sich laut Polizei überwiegend um organisierte Familienstrukturen, ursprünglich oft aus Osteuropa stammend. Sie agieren oft aus dem Ausland. In den Ländern, in denen Opfer leben, werden weitere Täter eingesetzt, die sich Bargeld oder Schmuck übergeben lassen. 

«Die Triebfeder der Täter sind Geld, Macht und Luxus: teure Mode, Schmuck, Limousinen und Sportwagen, Reisen in Luxushotels. Das ist wichtig und muss finanziert werden», sagt Kriminalhauptkommissar Sebastian Höhlich vom Berliner LKA der dpa. «Durch die Erfolge werden die Gruppen größer. Es gibt viel Nachwuchs, die Familien sind kinderreich. Das ist eine Kriminalitätsform, die weitergegeben wird und bei der schon junge Familienmitglieder einbezogen werden.» 

Den ganzen Tag würden Telefonnummern angerufen, schildert Höhlich das Vorgehen. Wenn bei 30 Anrufen aufgelegt wird, komme es beim 31. Anruf zum Gespräch. «Wir hatten schon Menschen, die sind dreimal Opfer eines solchen Enkeltrick-Betrugs geworden.»

Warum arbeiten die Täter immer internationaler? 

Inzwischen werde europaweit gegen die Netzwerke der Kriminellen ermittelt, so Höhlich. «Etwa 25 Länder sind inzwischen betroffen. Weil der Verfolgungsdruck durch die Polizei größer geworden ist, expandieren die Täter.» 

Durch die seit sieben Jahren laufende gute Zusammenarbeit mit der Polizei in Polen seien viele Banden zerschlagen worden. «Nun gibt es die Taten auch in Ungarn, in der Slowakei, Tschechien, Bulgarien, auch in Großbritannien, den Niederlanden und Italien. Die Täter sind gut vernetzt, also müssen wir uns auch gut vernetzen. Nur im internationalen Verbund kann man sie bekämpfen.»

Was ist das Ziel der aktuellen Konferenz der Polizeibehörden?

Die betroffenen Staaten müssten gemeinsame Strategien zur Bekämpfung der Kriminellen entwickeln, sagte Höhlich. «Es gibt verschiedene Rechtssysteme und wir müssen unser Vorgehen gemeinsam anpassen.» Der politische Wille zur Bekämpfung dieser Kriminalität sei nicht in allen Staaten gleich groß. Die überwiegend älteren Opfer hätten nicht überall eine große Lobby. «Aber es tut sich viel und ich bin ganz optimistisch.» 

Wie geht die Polizei national und international vor?

In Deutschland funktioniere die Zusammenarbeit bei den Bundesländern inzwischen sehr gut, was große länderübergreifende Einsätze mit Überwachungen und Festnahmen zeigen würden. Ende 2024 gingen etwa unter Federführung des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg Polizeibehörden aus acht Staaten und von Europol gegen Enkeltrick-Betrüger vor. 

Die Polizei hörte wochenlang die Kommunikation der mutmaßlichen Betrüger ab und hob in Polen drei Callcenter aus. 20 Verdächtige wurden festgenommen. Bundesweit seien knapp 400 Enkeltricktaten und ein Schaden von fünf Millionen Euro verhindert worden, hieß es. 

Wie ist die Lage in Berlin?

«Wir haben hier inzwischen große Erfolge und einen massiven Rückgang der Taten zu verbuchen. 2024 waren es 50 Prozent weniger als im Vorjahr. Auch im laufenden Jahr gab es erneut deutlich weniger Fälle», sagte Höhlich. «Wir haben einige Callcenter zerschlagen. Das merken wir signifikant an den Fallzahlen. Man muss den Verfolgungsdruck hochhalten. Wenn man nachlässt, gehen die Fallzahlen wieder hoch. Die Täter bekommen das sofort mit.»


Bildnachweis: © Karl-Josef Hildenbrand/dpa
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