Ein gesundes Baby wird von staatlichen Stellen für tot erklärt und zur Adoption vermittelt - und die leiblichen Eltern bleiben verwaist zurück mit dem Trauma dieser Lüge. Zwangsadoptionen in der DDR. Ausgerechnet dieses Thema hat sich der Berliner Modemacher Kilian Kerner für die neue Kollektion ausgesucht, die er bei der Berlin Fashion Week präsentierte. Es war keine gewöhnliche Modeschau. Über die graue Lauffläche in der Uber-Arena ragte ein rundes Gebilde, das wie ein Wachturm aussah. «Achtung, Sie verlassen jetzt Westberlin», stand da anfangs auf großen Monitoren. Bei der eigentlichen Präsentation zeigte Kerner breitschultrige Schnitte im 80er-Jahre-Look, auch Glitzer und Blumenprunk. Dabei war aber auch ein männliches Model in einem groben grauen Anzug mit Babypuppe im Arm. Zum Ende hin marschierten die Models in Kapuzenpullis mit der Aufschrift «Wo sind unsere Kinder?» und handgeschriebenen Demoplakaten auf. «Wo bist du?», fragte eines. «Aufarbeitung jetzt!», forderte ein anderes. Kerner weiß, dass das alles Fragen aufwirft. «Mode hat mit Zwangsadoption oder angeblichem Säuglingstod erst mal gar nichts zu tun, natürlich», sagt der 46-Jährige der Deutschen Presse-Agentur. «Und ich kann auch verstehen, dass die Leute fragen: Warum macht er das?» Das Thema hat ihn persönlich gepackt, seit er vor acht Jahren eine Dokumentation über angebliche Säuglingstode und Adoptionen in der DDR sah. «Ich war schockiert und tief berührt, dass es so was gibt», sagt Kerner. Jahrelang informierte er sich weiter, nahm Kontakt zum Verein «Gestohlene Kinder der DDR» auf. Nach seinen Informationen begann die Geschichte der «gestohlenen Kinder» in den späten 1950er Jahren. Vermutet würden insgesamt 15.000 Fälle vermeintlicher Säuglingstode und etwa 10.000 Zwangsadoptionen. Aufgeklärt seien bisher nur fünf Fälle angeblich gestorbener Babys. Bei Zwangsadoptionen seien es etwa 20 bis 40 Fälle. Der Bundestag hatte die Regierung schon 2019 aufgefordert, sich um Aufklärung des Unrechts zu kümmern. Daraufhin wurde eine «Zentrale Auskunfts- und Vermittlungsstelle des Bundes» eingerichtet. Das Bundesinnenministerium startete 2021 eine Studie, um Informationen zusammenzutragen. Ergebnisse sollen Anfang 2026 vorliegen. Offiziell ist die Rede von «politisch motivierter Kindeswegnahme», oft im Zusammenhang mit «asozialem Verhalten», politischer Haft oder Ausreisebegehren der Eltern. Die Kinder kamen oft in staats- und parteitreue Haushalte, um im Sinne des Sozialismus erzogen zu werden. Wie also setzt man so ein Thema in Mode um? «Die Hochphase der Zwangsadoption und des angeblichen Säuglingstodes war in den 80er Jahren», erzählt Kerner. «Deshalb war für mich schnell klar, dass es eine 80er-Jahre-Kollektion wird.» 80er in der DDR, das war Denim als Symbol des Westens und der USA, aber in einem ganz bestimmten Grauton, wie Kerner sagt. «Ich habe viel über die Mode in der DDR recherchiert. Und zuerst dachte ich: Wie machst du das, weil ich ja schon glamouröse Sachen mache und die DDR so gar nicht glamourös schien. Aber das war ein Trugschluss. Die hatten echt glamouröse Klamotten, eine Menge Glitzer. Ich war total fasziniert.» Seine Show soll Aufmerksamkeit auf das Thema lenken. «Es soll keine Beklemmung erzeugt werden», sagt Kerner. «Aber ich glaube, wenn man sich darauf einlässt, passiert das einfach. Wir versuchen, das realistisch darzustellen. Es gibt Punkte, die nicht angenehm sind.» In der Uber-Arena spendete das Publikum lange Applaus. Dass dies alles nur PR sei, lässt sich Kerner nicht vorwerfen. «Es geht hier nicht darum, Mode zu promoten. Ich mache dieses Thema aus tiefstem Herzen.» Klar wolle er, dass seine Mode gesehen werde. Aber er habe diesmal andere Ziele: «Dass eine DNA-Bank eingerichtet wird, dass es den Eltern, die Zweifel haben, erlaubt wird, in die Adoptionsakten oder in ihre Akten zu gucken. Das dürfen ja nur die Kinder. Und dass sich Zeitzeugen melden.» Um finanzielle Gutmachung oder Bestrafung gehe es nicht. Wenn alles läuft, wie Kerner es sich vorstellt, sind in einem Jahr zumindest zehn weitere Fälle aufgeklärt.«Warum macht er das?»
Tausende ungeklärte Fälle
Denim als Symbol der 80er
Punkte, die unangenehm sind
Bildnachweis: © Jens Kalaene/dpa
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Glitzer und Grauen: Eine Modeschau zu DDR-Zwangsadoptionen
Vor acht Jahren hörte der Berliner Designer Kilian Kerner zum ersten Mal, dass in der früheren DDR Eltern ihre Kinder weggenommen wurden. Seither lässt ihn das Thema nicht mehr los.
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