1. Oktober 2026 / Aus aller Welt

«Kutte und Krawatte»: So ging das Geldwäsche-Netzwerk vor

Mehr als 140 Durchsuchungen, 14 Festnahmen und 48,6 Millionen Euro beschlagnahmt: Fahnder legen ein verzweigtes Geldwäsche-Netzwerk offen. Insider sollen den Tätern geholfen haben.

Mehr als 140 Objekte waren durchsucht worden, 14 Haftbefehle wurden vollstreckt. Die Großrazzia richtete sich dabei gegen ein Geldwäsche-Netzwerk, das eng auf die Zusammenarbeit mit den «...
Veröffentlicht am 1. Oktober 2026 um 15:45 Uhr von Rolf Schraa und Florentine Dame, dpa

Rocker erpressen Millionen Euro an Schutzgeld, fälschen Markenwaren und hinterziehen Steuern - und am Ende wird das schmutzige Geld von professionellen Komplizen in komplizierten Firmenstrukturen hin- und hergeschoben, bis es «gewaschen» ist. 

Ermittler haben im nordrhein-westfälischen Duisburg, in vier anderen Bundesländern sowie im europäischen Ausland ein kriminelles Netzwerk aufgedeckt, in dem «Kutte und Krawatte», wie Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul es ausdrückte, eng zusammengearbeitet haben sollen: Gewalttäter aus dem Rockerclub und scheinbar bürgerliche Wirtschaftskriminelle machten gemeinsame Sache. 

Der Umfang dieser Zusammenarbeit sei ungewöhnlich, sagt die Chefin des Landesamtes für die Bekämpfung der Finanzkriminalität, Stephanie Thien. «Die Rocker haben ihr Handlungsfeld erweitert.»

Am Donnerstag präsentierten Fahnder bei einer Pressekonferenz erste Ergebnisse, währenddessen laufen die Ermittlungen weiter. Gegen 71 Beschuldigte wird ermittelt, 14 Haftbefehle wurden vollstreckt, unter anderem gegen zwei mutmaßliche Rädelsführer - in U-Haft sitzt unter anderem die gesamte Führungsschicht der Duisburger «Hells Angels». 

Wie gingen die Kriminellen vor?

Im Duisburger Norden haben sich nach heftigen Auseinandersetzungen mit anderen Rockergruppen seit etwa 2012 die «Hells Angels» als dominierende Kraft durchgesetzt. Geschäftsleute berichteten von Schutzgeld, brutaler Nötigung und Erpressung mit Waffen und körperlicher Gewalt, sagt der Duisburger Polizeipräsident Alexander Dierselhuis. Aus Angst habe der Polizei aber niemand Namen nennen wollen.

Die Rocker protzten mit dicken Autos, Uhren, Waffen und Motorrädern, wie der Polizeipräsident berichtete. Ihre erpressten Millionen wurden aber scheinbar ganz legal angelegt.

Was machten die Geldwäscher? 

Kriminelle Geldwäscher hätten mit Schwarzgeld solvente Firmen aufgekauft und zwischen ihnen dann Waren, Dienstleistungen, Geld und Aufträge hin- und hergeschoben, bis das Schwarzgeld legal erschien. «Sie haben ein gigantisches Konstrukt aufgebaut», sagt Thien. Die Firmengründungen oder Übernahmen seien dabei ganz legal abgelaufen - über Anwälte und Notare. 

Dass die mutmaßlichen Täter für ihre illegalen Gewinne vielfach keine Steuern bezahlt haben, half den Ermittlern aber offenbar, ihnen auf die Spur zu kommen. Details will die Steuerfahnderin nicht nennen. Nur soviel: «Nicht gezahlte Steuern sind oft das Einfallstor für Ermittlungen gegen die Organisierte Kriminalität.» Der Zufallsfund einer sechsstelligen Summe ohne Herkunftsnachweis bei einer Verkehrskontrolle habe 2025 den Anstoß für intensive Ermittlungen und den Verdacht der Bandenkriminalität gegeben. 

Welche Rollen spielen undichte Stellen bei Stadt und Polizei?

Die Kriminellen konnten bei alldem wohl auf Insider-Informationen setzen. Ermittelt wird in diesem Kontext gegen zwei Mitarbeiter der Stadt Duisburg und einen Polizisten, die Informationen durchgestochen haben sollen. Dabei soll es nach Angaben der Staatsanwaltschaft um Einsatzinfos und Behördenwissen rund um Firmengründungen und gewerbliche Verfahren gegangen sein. Gegen einen weiteren städtischen Mitarbeiter wird wegen Bestechlichkeitsverdacht ermittelt. 

Es sei naheliegend, dass den Rockern Einsätze verraten worden seien, berichtete auch Polizeichef Dierselhuis: Er habe erlebt, dass sich kurz vor einer Razzia alle «Hells Angels» in einem Laden versammelt hätten. «Und fünf Minuten bevor wir eintreffen, sind alle weg», so Dierselhuis. Der unter Verdacht stehende Polizist sei vorläufig nicht mehr im Dienst. Gleiches gelte für die städtischen Mitarbeiter, sagte ein Sprecher der Stadt Duisburg. 

Wie aufwendig sind die Ermittlungen?

Landesinnenminister Reul spricht von einem «der größten Verfahren in Nordrhein-Westfalen». Zwei Jahre lang sei intensiv und verdeckt ermittelt worden. Immer auf der Spur des Geldes wurden Kontoauszüge gelesen, Firmenregister geprüft, Zahlungsströme verfolgt und Firmengeflechte auseinandergenommen, wie der Minister schildert. 

Die Ermittlungsergebnisse füllen nach Angaben der Duisburger Staatsanwaltschaft inzwischen 200 Sonderbände und Fallakten mit bisher 34.000 Blatt. Am Zugriff am Mittwoch beteiligten mehr als 1.700 Einsatzkräfte und 50 Spürhunde.

Die vorläufige Bilanz dieser Arbeit lässt sich ebenfalls in Zahlen ausdrücken: Mehr als 140 Objekte wurden durchsucht, Vermögen im Wert von rund 48,6 Millionen Euro beschlagnahmt. 

Ist damit die Rockerkriminalität besiegt in Duisburg?

Von einem Sieg gegen das organisierte Verbrechen wollen die Ermittler nicht sprechen, die «Hells Angels» in Duisburg seien aber mit Sicherheit geschwächt. Der Verlust ihrer Führungsleute und beschlagnahmten Statussymbole wie Luxuskarossen und dicken Motorrädern tue ihnen sicher weh, sagen Duisburger Ermittler, die den Einsatz geführt haben. Nun müsse man aber besonders darauf achten, dass sich keine Ersatzstrukturen bildeten. 

Die Polizei ruft Bürger auf, Erpressungen und Nötigungen der organisierten Kriminellen künftig zu melden. Sie hat dafür eine Sondernummer für Informationen geschaltet. «Die Zeit der Angst ist vorbei», sagte Polizeipräsident Dierselhuis.

 

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Bildnachweis: © Christoph Reichwein/dpa
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